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RisikoBRIEFing 1/2018

 

Die Unterschiede

…zwischen der sogenannten traditionellen und der Startup-Wirtschaft scheinen auf der Hand zu liegen. Es ist und bleibt ein gern übersehener Fakt, dass die neuere, digitale Entwicklung keineswegs die Fortsetzung der bisherigen Wirtschaft mit anderen Mitteln ist. Ein genauer Blick hilft weiter.

Was wissen wir von der traditionellen, besser: von der spätindustriellen Wirtschaft? Sie setzt auf Zweckrationalität, Gewinnmaximierung und absolute Reduzierung von Komplexität. Bevorzugte Mittel: Hierarchien, klare Ansagen und kontrollierbare Durchstandardisierung aller aktuellen Prozesse mit IT. Hier zählen Arbeitseinsatz, Anwesenheit und Unterordnung. Kein Wunder, dass sowohl Management als auch Mitarbeiter häufig demotiviert ihre Arbeit tun – eine Arbeit, die aufgrund von Sinnleere und Beziehungslosigkeit oft genug in die Depression zum  großen Krankheitsbild unserer Zeit führt.

Gerade auf diese Sinnleere antwortet die Startup-Szene, besser: die postindustrielle Wirtschaft. Ja, auch sie setzt auf IT und auf Standardisierung, aber gleichzeitig strebt sie nach Sinn, sucht nach Sinnlichkeit und setzt auf Beziehungen, auf Teamgeist und Freude an der Arbeit. Hier springt letztlich der Blick vom quantitativ Möglichen auf die Qualität; so kommt Kultur ins Spiel: Ohne die typischen Mittel von Spiel, Erzählung, Authentizität, Gestaltung und Ästhetik geht ganz wenig.

Das ist ohne Zweifel ebenso provokant wie attraktiv, ein starker Magnetismus, der den Erfolgszauber des Silicon Valley erklärt und die massenhaften und langwierigen Reisen deutscher Top-Manager in das globale „Ur-Nest“. Bislang gibt es keine Einsicht, dass diese Art der Kultur an die Wirtschaftsform gebunden ist und sich nicht übertragen lässt, auch wenn die Hardware die gemeinsame Bezugsgröße liefert.

Ähnlich verhält es sich in der Umkehrung: Die gegen Sinnleere und für neue Werte antretenden kreativen GründerInnen kommen ohne das solide Geld der alten Wirtschaft nicht zurecht. Investoren müssen verstanden und gewonnen werden für zukunftsträchtige Geschäfte. Es reicht nicht, einen gut geschnittenen Anzug vorzuweisen und eine gute Kinderstube – das Verhaltensrepertoire der mit allen Wassern gewaschenen Millionäre aus Energie, Versicherung oder Stahlhandel will verstanden und zugänglich gemacht sein. Diese rare Spezies gilt es einerseits mit innovativen Ideen zu locken, andererseits auf nötige Distanz zum eigenen Denken zu halten.

Dieses spannende Dilemma des gegenwärtigen Wirtschaftens wird den roten Faden meiner Newsletter im Jahr 2018 bilden. Wenn Sie Anregungen oder Ideen haben, freue ich mich sehr! Kommunikation ist für uns alle nach wie vor das solide Mittel eines erfreulichen Miteinanders, aber mehr noch Mittel eines passenden persönlichen und geschäftlichen Wachstums. Im Zentrum all dessen steht die starke Beziehung zu dem Menschen, mit dem wir ein Leben lang zurechtkommen müssen: die Beziehung zu uns selbst.

Ich freue mich auf dieses gemeinsame Jahr und grüße mit frischer Energie!

Ihre

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Aus dem „Popup-Atelier“:

Komplexität (1)
 

 

 

 Wie die Erhöhung von Eigenkomplexität möglich ist:
DIE „KULTURMASCHINE“ DER NEUEN DIGITALEN KLASSE

Den Begriff der „Kulturmaschine“ hat Andreas Reckwitz geprägt in seiner Theorie der Singularitäten, im letzten Sommer bei Suhrkamp erschienen. Er bezeichnet damit den Effekt der kulturellen Aufladung für den einzelnen, der in einer hochkomplexen Welt unsichtbar bleibt, ja, sogar dem sicheren Untergang geweiht scheint und durch Kultur einer wird, der zu dieser sich gerade neu etablierenden Mittelklasse dazu zählt.

Kulturelle Aufladung, was ist das und wie kann das aussehen? Wir kennen diesen Effekt aus dem Alltag der jetzt 30- bis 45-Jährigen. Wer schickt schon seine Kinder einfach zur nächstgelegenen Schule? Die Schulauswahl wird zum Projekt, mit massenhafter Information und zeitintensiven Testbesuchen. Am Ende steht eine Entscheidung sogar für einen anderen Stadtteil oder es kommt (zur Not) zur Gründung einer neuen Schule. 

Galt für meine Eltern das Wohnzimmer noch als der Ort, der einem überraschenden Besuch des Pfarrers jederzeit standhalten konnte und der ansonsten nur zu herausragenden Anlässen genutzt wurde, so gerät für die neue Mittelschicht die gesamte Wohnung zum Event als jederzeit präsentables  Alleinstellungsmerkmal. Ideal ist ein Zuhause, ästhetisch gestaltet, spielerisch eingerichtet und zu bewohnen, eine authentische zweite Haut, die von uns bestens zu erzählen vermag.

So funktioniert die Kulturmaschine, die aus Alltag und sozialem Leben Kultur erzeugt. Soweit die Beobachtung von Andreas Reckwitz. Beim Weiterdenken schrecke ich zusammen: Auch wenn die Qualität von Kultur mir wichtig ist, so bleibt diese in seiner Darstellung eine Kultur der Einzelinteressen, der individuellen Ansprüche und der eigenen durchsetzungsfähigen Möglichkeiten. Das, was noch im 20. Jahrhundert Kultur definierte, die Verständigung auf gemeinsame Werte und Entwicklungen, wird dabei komplett ausgeblendet – als eine hinderliche Anstrengung?

Mehr zu meinem Qualitätsgedanken finden Sie unter Haltung auf meiner Website.