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RisikoBRIEFing 4/2017

 

Vor gut 25 Jahren

 …gehörte das Wissen um Führung noch keineswegs an den ingenieurwissenschaftlichen Fachbereich in Leipzig. Ich kam als junge Professorin an die dortige Hochschule und hörte: „Führung? Viel zu unberechenbar und womöglich geht es noch um Gefühle!“ Genau. Es ging und geht um Gefühle.

Doch wer will von diesem immer wieder überraschenden und nur schwer zu kontrollierenden Terrain im menschlichen Leben etwas wissen? Gerade wir nicht, die wir Technik lieben, Kennzahlen schätzen und saubere, rationale Ergebnisse bevorzugen! Vermutlich kennt jeder von uns dieses Für und Wider, bei dem die emotionale Seite in der Wirtschaft stets den Kürzeren zieht.

Dabei sind wir doch auch im Beruf keineswegs die rationalen Wesen, die wir so gern wären. Damals, vor 25 Jahren, wusste noch niemand etwas von den Neurowissenschaften und ihren bildgebenden Verfahren, die uns heute Rationalität in einem anderen Licht zeigen - erst 1995 erschien das zentrale Buch: „Ich fühle, also bin ich.“

Antonio Damasio schrieb als erster darüber, was die Hirnforschung heute für selbstverständlich hält: Descartes irrte, indem er alles Denken auf Rationalität bezog. Und auch wenn es noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wissen wir seither  folgendes: 1. Vernunft gibt es nur mit der Fähigkeit, Gefühle zu empfinden. 2. Ohne Körper kein Empfinden und 3. Körpersignale steuern alle neuronalen Prozesse.

In Zeiten der Disruption sind das herausragende Erkenntnisse. Offenbar ist gerade die Digitalisierung dringend angewiesen auf Botschaften aus der analogen Welt: Vernunft nur mit Empfindungen?! Ja, ganz genau. Vernunft geht nicht  digital! Was das im Klartext heißt? Treiben wir nicht nur die Technik voran! Wenn wir den Menschen, sein Empfinden, seinen Körper aus dem Blick verlieren, wird unser gesamter Erfindergeist ziellos, treibt absurde Blüten, verliert das uns allen zuträgliche  Maß.  

Der Drang nach Machbarkeit lässt uns vergessen, dass die Technik dem Menschen dienen sollte. Klar sind wir die schlechteren Roboter, sogar gern! Das menschliche Leben hat sich ja im Laufe der Evolution als stabil erwiesen und bietet weiterhin Entwicklungsmöglichkeiten, die unser Vorstellungsvermögen und damit auch die Polarität von 0 und 1 bei weitem übersteigen. Hier geht es um Gestaltung, um mehr als Funktionieren – es geht um ein selbstbestimmtes, pralles Leben.

Wenn auch Sie nicht nur „über“-leben wollen, dann nutzen Sie den Frühling mit all seiner Kraft, Inspiration und Veränderungsenergie. Ich bin dabei gern an Ihrer Seite.

Mit besten Grüßen

Ihre

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FLEISS ALS DROGE -
Was ist die Alternative für Männer und Frauen?

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Immer wieder höre ich nach Vorträgen und in Einzelgesprächen den Satz: „Ohne Fleiß wäre ich nichts geworden!“ Ja, das kann sein. Auch mir selbst geht es so. Mein Fleiß hat mir die nötige Absprunghöhe innerhalb der Hierarchien verschafft – aber zu welchem Preis!

Wäre ich damals nur schon gut beraten gewesen, dann hätte ich mit Disziplin und Verbindlichkeit gleiches schaffen können und dazu noch ein gutes Leben gehabt. Mit Fleiß aber ist eine solche glückliche Kombination aussichtslos. Fleiß ist eben nicht funktional: Er ist nicht auf die Erreichung eines konkreten Ziels gerichtet, sondern zeittotschlagend und endlos.

Fleiß zeigen wir immer dann, wenn wir eben nicht strategisch sind, wenn wir keine Klarheit darüber haben, wohin uns unser Handeln führt, was wir damit bewirken – und ob der Preis, den wir für dieses Ziel bezahlen, angemessen ist. Mit Fleiß schlagen wir Tage voller mühseliger Tätigkeiten tot, ohne den Kummer zu spüren, den uns die darin liegende Sinnlosigkeit, die fehlende Wertschätzung durch andere oder der mangelnde Erfolg bereiten.

Ersetzen Sie Fleiß durch Disziplin – setzen Sie sich klare Ziele und die Resultate kommen. Falls nicht, bringen Sie Ihre Talente und Ressourcen an anderer Stelle ein. Das Leben belohnt Entscheidungen und Klarheit!

Wie man mit Fleiß ein Leben ruinieren und wie man daraus auch wieder aussteigen kann, lesen Sie in der „Fleißlüge“. Andeutungsweise lässt sich auch etwas vom Fleiß verstehen im Beitrag „Ohne Fleiß kein Preis“ bei FrauTV vom 6.4.2017 im WDR.

(Die Präsentations- wie auch die Postkarten-Motive hat Sandra Fink, Berlin und Leipzig, für mich entwickelt.)